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7. Mai 2026 | 07:00 Uhr
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32-Stunden-Woche – und die Krankheitstage purzeln

Eine Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich – was Andreas Claus (Foto) im DRK Sangerhausen im Oktober eingeführt hat, klingt zunächst verrückt. Wie soll man das finanzieren? Die Pflegekassen werden das nicht mitmachen. Müssen sie auch nicht, sagt der Vorstandsvorsitzende gegenüber Care vor9. Er setzt auf Effizienz und moderne Führung. Kein Wunder, dass sich inzwischen auch andere Träger für sein Modell interessieren.

Die 32-Stunden-Woche ist das Ergebnis vieler kleiner Veränderungen, sagt der Chef des DRK Sangerhausen 

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Andreas Claus war früher Leistungssportler. So wählt er für seine Herangehensweise eine Fußball-Analogie: "Es geht doch nicht darum, länger zu spielen, um erfolgreich zu sein, sondern darum mehr Tore zu schießen", sagt er. Übertragen auf die Pflege heißt das: Nicht die vertraglich geregelte Arbeitszeit ist entscheidend, sondern die tatsächlich geleistete Arbeit.

Zu Jahresbeginn hat der DRK-Kreisverband Sangerhausen im Südharz die 32-Stunden-Woche eingeführt – bei vollem Lohnausgleich. Möglich wurde das durch Effizienzgewinne, so Claus: Das DRK Sangerhausen hat in seinen fünf Pflegeeinrichtungen, im betreutes Wohnen, der Tagespflege und dem Pflegedienst zunächst die Prozesse digitalisiert, Abläufe gestrafft und Teams stärker in die Verantwortung genommen. Der 41-Jährige setzt außerdem auf eine Matrixorganisation etwa mit bereichsübergreifenden Vertretungen und flexiblen Arbeitszeitmodellen, die sich an Lebensphasen orientieren. Selbst ungewöhnliche Modelle wie geteilte Dienste – morgens drei Stunden und nachmittags drei Stunden – sind im DRK Sangerhausen möglich.

15 Betriebsvereinbarungen für die neue Arbeitsorganisation

Claus warnt davor, die Vier-Tage-Woche isoliert einzuführen. "Reine Stundenreduzierung bringt nichts." Erst durch effizientere Prozesse könne die gewonnene Zeit an die Mitarbeiter zurückgegeben werden. Dazu gehöre auch ein Kulturwandel: mehr Eigenverantwortung, weniger Hierarchie. Entscheidungen werden im DRK Sangerhausen in die Teams delegiert, die Führungskräfte moderieren, statt ihre Mitarbeiter zu kontrollieren.

Claus ist überzeugt: Der Erfolg hängt in erster Linie vom Führungsverständnis ab. "Handeln Sie so, dass Sie sich überflüssig machen", lautet einer seiner Leitsätze. Führung bedeutet für ihn, Verantwortung zu übertragen – inklusive Entscheidungsbefugnis. Mikromanagement lehnt er ab. Insgesamt hat der Betreiber für die neue Arbeitsorganisation rund 15 Betriebsvereinbarungen geschaffen.

Die Zeit der tatsächlichen Anwesenheit ist gestiegen

Die Ergebnisse fallen deutlich aus: Die durchschnittliche Zahl der Krankheitstage lag voriges Jahr, als noch die 36-Stunden-Woche herrschte, bei zwölf, im ersten Quartal dieses Jahres bei 16 Tagen und damit weit unter den durchschnittlich über 33 Tage in der Altenpflege. Außerdem ist die Zeit der tatsächlichen Anwesenheit gestiegen. Das bedeutet, weniger Arbeitszeit, aber mehr Anwesenheit – ein fast paradox anmutendes Ergebnis. Claus überrascht es aber nicht. "Man kann 45 Stunden in den Vertrag schreiben und dadurch trotzdem nicht mehr Anwesenheit erreichen."      

Auch auf dem Arbeitsmarkt zeigt das Modell Wirkung. Der Träger verzeichnet rund 25 Initiativbewerbungen pro Monat, auf offene Stellen gehen zwischen 25 und 35 Bewerbungen ein, im Helferbereich deutlich mehr. In der Verwaltung waren es zuletzt sogar 147 Bewerbungen.

Null Fluktuation seit Jahresbeginn im DRK Sangerhausen

Die Fluktuation lag 2025 bei 0,5 Prozent, in diesem Jahr hat bisher noch kein Mitarbeiter gekündigt. Von den zwölf Azubis, die gerade abschließen, kann das DRK nur fünf übernehmen.

Die Gesamtkosten sind gleich geblieben, obwohl die Arbeitszeit gesunken ist – faktisch eine Gehaltserhöhung für die Beschäftigten, so Claus. Neue Stellen musste das DRK nur vereinzelt schaffen, vor allem in der Verwaltung hat der Träger Effizienz durch Digitalisierung gewonnen.

Das Interesse aus der Branche ist groß. Andere Träger aus Wohlfahrt, Kommunen und kirchlichen Organisationen zeigen Interesse an dem Modell, sagt Claus. "Aber die 32-Stunden-Woche ist kein isoliertes Instrument, sondern das Ergebnis vieler kleiner Veränderungen. Wer sie kopieren will, muss Strukturen, Prozesse und Führung grundlegend überdenken."

Kirsten Gaede

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